Paul Schneider von Esleben: Ausstellungseröffnung in der Pinakothek der Moderne

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Am 15. Juli hat die Ausstellung zu Paul Schneider von Esleben in der Pinakothek der Moderne in München eröffnet. Die Ausstellung wird kuratiert vom Architekturmuseum der TU München (Kuratorin Regine Heß), das seit 2006 den Nachlass des Nachkriegsarchitekten verwaltet. Dementsprechend viele Modelle und Originale, wie Zeichnungen, Pläne und auch eigens von Paul Schneider von Esleben entworfener Schmuck finden sich in der Ausstellung wieder.

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Die Ausstellung reflektiert 25 Projekte des Architekten, die durch historische Fotos, Pläne und Zeichnungen, Schriftstücke und Originalmodelle aufgearbeitet werden. Der Bezug zur Person Schneider Eslebens stellt eine fast einstündige Dokumentation her, in der ehemalige Studenten und Weggefährten des Architekten zu Wort kommen.

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Am 23. August werden die Ausstellungen des M:AI in Düsseldorf eröffnet werden. Ein Standort ist das Mannesmannhochhaus – eine Ausstellung im Original! Denn mit dem bekannten Düsseldorfer Hochhaus hat Schneider Esleben eine symbolhafte Architektur nach amerikanischem Vorbild geschaffen. Seiner Person als Architekt, Künstler, Unternehmer und Persönlichkeit in der Düsseldorfer Gesellschaft widmet sich der Ausstellungsteil in der Architektenkammer.

Ausstellung im Mannesmannhochhaus/Wirtschaftsministerium NRW: „Das Mannesmann – Architekturikone des Wirtschaftswunders“, Berger Allee 25, 40213 Düsseldorf, Mo-Do 9-18 Uhr, Fr 9-17 Uhr

Ausstellung im Haus der Architekten: „Die Marke PSE – Architektur zwischen Erhalt und Abriss“, Mo-Do, 9-18 Uhr, Fr 9-17 Uhr

Laufzeit: 23. August bis 25. September 2015

Anmeldungen zur Ausstellungseröffnung am 23. August bitte unter info@mai.nrw.de oder unter 0209-92578-0 (Eröffnung im Mannesmannhochhaus: 11 Uhr, in der Architektenkammer: 13 Uhr)

alle Fotos: Paul Andreas

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Mannesmannhochhaus

Fertigstellung: 1958 – Denkmalschutz: 1997 Als elegante, flache Scheibe zeigt das Haus seine Schmalseite Richtung Ufer, flankiert von der alten Mannesmann-Hauptverwaltung. Das schlanke, 24stöckige Hochhaus am Rhein war in mehrfacher Weise ein Experiment in der damaligen Zeit: Bauweise und Materialien waren neu in der Bundesrepublik – eine symbolhafte Architektur für ein aufstrebendes Unternehmen. Nach amerikanischem Vorbild entwarf Schneider von Esleben dieses Gebäude als ein Stahlskelett, das um einen Betonkern herum errichtet wurde. Es ist also kein Gebäude mit tragenden Wänden, sondern von den Mannesmann-Röhrenwerken produzierte Stahlrohe tragen Decken und Fassade. Ummantelt wird die Fassade mit emaillierten Blechpaneelen und Glas – Elemente, die speziell für dieses Gebäude entwickelt wurden.

Das Mannesmann-Haus am Rheinufer wurde 1912 nach Entwürfen von Peter Behrens als eines der ersten großen Verwaltungsgebäude Düsseldorfs erbaut. 1938 wurde ein Erweiterungsbau in Betrieb genommen (Architekt Hans Väth) und die Konzernverwaltung 1960 um ein Hochhaus ergänzt (Architekten: Egon Eiermann und Paul Schneider-Esleben). Die Mannesmann AG wurde im Jahr 2000 von der Vodafone-Gruppe übernommen. 2008 erwarb das Land Nordrhein-Westfalen das nahe dem Landtag gelegene Ensemble, um darin zukünftig Ministerien unterzubringen.

Das Mannesmann-Haus am Rheinufer wurde 1912 nach Entwürfen von Peter Behrens als eines der ersten großen Verwaltungsgebäude Düsseldorfs erbaut. 1938 wurde ein Erweiterungsbau in Betrieb genommen (Architekt Hans Väth) und die Konzernverwaltung 1960 um ein Hochhaus ergänzt (Architekten: Egon Eiermann und Paul Schneider-Esleben). Die Mannesmann AG wurde im Jahr 2000 von der Vodafone-Gruppe übernommen. 2008 erwarb das Land Nordrhein-Westfalen das nahe dem Landtag gelegene Ensemble, um darin zukünftig Ministerien unterzubringen. Foto: Thomas Robbin

Bis kurz vor Bauende gab es immer wieder Kritiker, die am liebsten Ziegel- statt Blechbrüstungen an dem Hochhaus gesehen hätten. Im Mannesmannhaus wird Teil 1 der Ausstellung gezeigt: Das Bauwerk ist dabei größtes Exponat, in dem die Gestaltungsleistung Paul Schneider von Eslebens beispielhaft gezeigt wird.

 Foto: Thomas Mayer

Foto: Thomas Mayer

Berger Allee 25, 40213 Düsseldorf, 23.8. bis 25.9.2015,

Mo-Do 9-18 Uhr Fr 9 – 17 Uhr

Zweifel und Zauber – Zur Architektur von Paul Schneider von Esleben

Es war das Jahr 1952.

Die von Paul Schneider von Esleben entworfene Haniel-Garage war gerade fertig gebaut worden. Der Architekt hatte sich damit einer komplett neuen Bauaufgabe stellen müssen: Er entwickelte ein Haus, in dem Autos mehrere Stockwerke hochfahren und geparkt werden konnten. Ein Park-Haus am Rande der Innenstadt, gebaut in einer Zeit, in der der PKW-Verkehr deutlich zunahm. Die autogerechte Stadt war eins der Hauptthemen der Planer. Ein Parkhaus ist heute für uns völlig selbstverständlich, damals war es eine Sensation! Heute nicht selbstverständlich war die damalige Überlegung, in der Haniel-Garage sein Auto abzustellen, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Innenstadt zu fahren. So baute Paul Schneider von Esleben neben die Garage ein Hotel.

Haniel-Garage ©Markus Luigs

Haniel-Garage ©Markus Luigs

Neu und ungewöhnlich war die Bauaufgabe, gewagt und visionär war deren Lösung: Ein aus Betonrahmen gebildeter Kern ist das eigentliche Traggerüst. Die Wände bestehen aus fast nichts, bodentiefe Glasscheiben bilden die Außenwände. Man kann durch das Gebäude hindurch sehen!

Kurz vor der Eröffnung der Garage gab es Verwirrung. Der Auftraggeber, Dr. Franz Haniel sagte: „Ist ja ganz schön, aber was kommt jetzt so darum, ich meine, in welchem Stil wollen Sie das nun verkleiden? Haben Sie an Marmor, Granit, Bruchstein oder Backstein gedacht?“ Als man ihm erklärte, dass das Gebäude so fertig sei, schluckte der Unternehmer und sagte schließlich: „Na ja, na ja, wenn das modern ist, dann bitte.“

DEU, Deutschland, Duesseldorf, Hanielgarage, 1953 als Hochgarage mit Motel gebaut, Architektur von Paul Schneider-Esleben, heute genutzt als BMW-Auto- und Motorradhaus, Restaurants, steht unter Denkmalschutz | DEU, Germany, Dusseldorf, Hanielgarage, built 1953 as parking garage with motel by architect Paul Schneider-Esleben, now used as BMW-showrooms, restaurants, heritage site

Haniel-Garage ©Thomas Mayer

Weniger flexibel waren die Architekten-Kollegen im Düsseldorfer Planungsamt, sie nannten Paul Schneider von Esleben – PSE – einen „Clown-Architekten“. Das hätte doch nichts mit Architektur zu tun, und besonders die Sichtbarkeit der Materialien – der Stahlseile, des schalungsrauen Betons und der Glasscheiben – war Gegenstand des Anstoßes.

International wurde das Projekt ganz anders bewertet: 1954 zum Beispiel berichtete das Life Magazin, und auch heute noch brechen Architekten in Jubel aus, wenn die Haniel-Garage erwähnt wird.

Haniel-Garage+Motel ©RalphCrane LIFE Magazine

Haniel-Garage+Motel ©RalphCrane LIFE Magazine

PSE hat unzweifelhaft internationale Ansätze nach Nordrhein-Westfalen geholt und insbesondere die Stadt Düsseldorf mit der Architektur-Welt verlinkt. Damals und auch heute wieder waren und sind seine Architekturen Gegenstand vieler Diskussionen – wie viele Architekturen der Nachkriegszeit.

Unsere Ausstellung zu Paul Schneider von Esleben findet ab dem 23.8.15. an zwei Orten statt:

Ausstellung im Mannesmannhochhaus/Wirtschaftsministerium: „Das Mannesmann – Architekturikone des Wirtschaftswunders“, Berger Allee 25, 40213 Düsseldorf

www.mweimh.nrw.de

Ausstellung im Haus der Architekten: „Die Marke PSE – Architektur zwischen Erhalt und Abriss, Zollhof 1 in 40221 Düsseldorf

www.aknw.de

Öffnungszeiten

Laufzeit: 23. August bis 25. September 2015

Die Ausstellungen im Haus der Architekten und im Mannesmannhochhaus sind Mo-Do von 9-18 Uhr, Fr von 9-17 Uhr geöffnet. Sonderöffnung an den Sonntagen 13. und 20. September 2015 von 10 – 18 Uhr

Eintritt frei!

Anette Kolkau

Zitate aus 5/1988 Designreport, S. 26 ff

Solidaritätsbeitrag für die Grünpflege?

Das war eine Anregung am Ende einer lebhaften Diskussion im Rahmen eines FREIRAUMgespräches. Denn schließlich bleibt für die Pflege für gestaltete Grünflächen oft nicht genug Geld. Der Freiraum, in den einst mit öffentlichen Mitteln investiert wurde, verkommt – ein Thema, das viele Bürger und insbesondere Landschaftsplaner bewegt. Und letztere waren Impulsgeber im „FREIRAUMgespräch“, einer Diskussionsplattform, die die Landesgruppe NRW des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten ins Leben gerufen hat. Das Gespräch fand zur Eröffnung der Ausstellung nrw.landschaftsarchitektur.preis 2014 statt (bis 11.4.15, Wissenschaftspark Gelsenkirchen)
Zwar sei das Credo „Freiraum zuerst!“ in Teilen der stadtplanenden Kreise  angekommen, Planung würde auch schon kooperativ umgesetzt, so Christian Jürgensmann vom bdla nw. Aber was ist danach? Wenn klamme Kommunen nicht in der Lage sind, die gestalteten Freiräume angemessen zu pflegen? Wer kann helfen?
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Das Land NRW wohl eher nicht, so Ulrich Burmeister vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr NRW. Das Land kann Investitionen fördern, aber die Pflege bliebe kommunale Aufgabe. Natürlich wird urbanes Grün heute mehr geschätzt denn je – als wichtiger Standortfaktor, als Beitrag zur Lebensqualität und zur Verbesserung des Stadtklimas. Daher braucht es oftmals ein Ineinandergreifen verschiedener Aktivitäten, um einen Qualitätsverlust zu vermeiden, so Burmeister. Beispiel: Bei der Umgestaltung des Bielefelder Johannisbergparks haben neben der Stadt auch Bürger ein außergewöhnliches Engagement gezeigt. Effiziente Pflege kann auch bereits in der Landschaftsarchitektur selbst angelegt werden, zum Beispiel beim Flächenzuschnitt, der den günstigeren Großmaschineneinsatz ermöglicht. Bei jedem Entwurfsdetail kann man darüber nachdenken, wie es sich ohne explodierende Pflegekosten verwirklichen ließe. Das Land selbst hat sich zum Ziel gesetzt, insbesondere solche Wohnungsprojekte zu fördern, die auch für Grünqualität im Quartier sorgen.
Für Pflege Sorge tragen – das ist beim Essener Zollvereinpark auf ganz perspektivische Weise erfolgt, so referierte Thomas Dietrich von der Planergruppe Oberhausen. Beteiligt sind daran nicht nur als Auftraggeber die Zollverein GmbH, sondern auch noch das Büro, das für die Parkidee verantwortlich zeichnet: Entwickelt hat diese die Planergruppe Oberhausen mit dem Grundansatz, die Ausstrahlung des alten Industrieortes zu belassen und eher zurückhaltend in die vorhandene postindustrielle Spontanvegetation einzugreifen. Aber auch das braucht Pflege, gesteuerte Pflege, nicht nach Schema F, sondern angemessen und die Aussage des Ortes bewahrend. Daher hat die Planergruppe offiziell die Pflegebauleitung vor Ort, stimmt sich mit den ausführenden Firmen ab, passt die Leistungsverzeichnisse an, dokumentiert – langfristig bleibt damit die Parkaussage des Weltkulturerbes erhalten, was auf lange Sicht gesehen wahrscheinlich auch in finanzieller Hinsicht eine angemessene Investition ist.
Horst Fischer vom Regionalverband Ruhr, der sich um das regionale Freiraumprojekt Emscher Landschaftspark im Ruhrgebiet kümmert, betonte gleichermaßen, dass Pflegemanagement eine wichtige Säule der Freiraumentwicklung sei. Umso mehr bedauerte er, wie Grünflächenämter zu Müllabfuhren verkommen würden und für ein vernünftiges Pflegemanagement zu wenig Personal vorhanden sei. Eine Lösung wären bessere Planungskonzepte, die den Pflegeaufwand enorm reduzieren könnten. Da die Wertschätzung des öffentlichen Grüns in der Gesellschaft nie höher war, wäre dieser Aufwand gerechtfertigt.
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Die Diskussion im Anschluss reflektierte dann auch intensiv den tiefen Graben zwischen der Notwendigkeit, qualifizierten Freiraum zu schaffen und den real eingeschränkten Mitteln, diesen angemessen zu pflegen. Und man suchte natürlich nach Lösungen. Beispielhaft wurde der Gleispark Frintrop genannt – eine Fläche im Emscher Landschaftspark. Die Pflegekosten sind gering, das ist bereits in der Planung des Parks angelegt gewesen. Entwurf und Folgekosten müssen also mehr denn je miteinander gekoppelt werden – so ein Ansatz in der Diskussion. Leider sei das aber noch keine Lösung für intensiv zu pflegende Abschnitte. Solche gestaltete Landschaft sei schließlich im Freiraum auch immer ein besonderes Highlight. Was also tun? Mehr Verantwortung auf die Bürger verteilen? Mehr Initiativgruppen einbeziehen? Mehr Umwelterziehung umsetzen, um ein Gefühl dafür zu hinterlegen, dass Grünraum keine Müllkippe ist? Mit Biomasse auf Brachflächen Geld erwirtschaften, das woanders in die Pflege investiert werden kann? Erfahrungswerte zeigen allerdings, dass sich mit Biomasseanbau im Ruhrgebiet zum Beispiel kein Geld verdienen lässt. Oder den Pflegekostennachweis zum festen Bestandteil der Förderanträge machen? Es gab eine Vielzahl von Ideen, die in der Diskussion formuliert wurden. Einer kam ganz zum Schluss: Wir brauchen einen Solidaritätsbeitrag für Grünflächen! Eine charmante Idee.
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Anette Kolkau
Felix Kunkel

Von Gebäuden, die Kultur vermitteln…

Das sind u.a. Museen, Bildungseinrichtungen und immer öfter auch Kirchen. In einer   dieser – jetzt sakral und gleichzeitig weltlich genutzten – Kirchen fand am 5.3.15 das 9. Architekturquartett der Architektenkammer NRW statt: Die Essener Kreuzeskirche mit ihrem komplett neu gestalteten Innenraum war eine ausdrucksstarke Location für die vier Diskutanten: den Architekten Max Dudler, den Chefredakteur der Bauwelt, Boris Schade-Bünsow und Dr. Brigitte Franzen, Direktorin des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen sowie den Architekt und Stadtplaner Prof. Kunibert Wachten als Gesprächsleiter.

Essener Kreuzeskirche wird zum Kreativzentrum

Foto: Domschatz Essen

 

Der völlig weiß gehaltene Kirchenraum wird mittels eines dezenten und dennoch effektiven Lichts inszeniert. Ganz in Blau waren Wände und Raum gehalten – eine einfache und dennoch eindrucksvolle Illumiation, die vielen der Besucher in Erinnerung bleiben wird. Genauso wie die ungewöhnliche Geschichte des Baus, der nach dem Krieg wiederaufgebaut, 1994 noch einmal saniert und 2014 dann neu gestaltet (Hannemann Architekten)wurde. Vor kurzem wurde er seinem erweiterten Zweck, sowohl Gotteshaus als auch Ort der Begegnung und kultureller Veranstaltungen zu sein, übergeben. Möglich gemacht haben das das finanzielle Engagement und die Kooperation von Privatleuten, Kirche, der Stadt Essen und dem Land NRW. Ohne Zweifel: Entstanden ist ein wertiger Anlaufpunkt für die heruntergekommene nördliche Essener Innenstadt. Den Podiumsgästen ging die Umgestaltung nicht weit genug, Max Dudler wünschte sich eine viel krassere Änderung: „Man hätte alles weiß machen müssen, Boden, Stühle usw.“. Der Neuanfang, die Neuausrichtung des Baus wäre dann schlagkräftiger, deutlicher inszeniert gewesen, kurz: ein Kunstprojekt wäre entstanden. Überhaupt zweifelte das Fachpodium an, dass der Raum der Doppelnutzung – Gottesdienste und unterschiedlichste Kulturveranstaltungen – gerecht werde. Jede dieser Nutzungsformen bräuchte ihre eigene architektonische Inszenierung. Seit Ende 2014 herrscht in dem Kirchengebäude neuer Betrieb. Es wird sich also zeigen, wie er sich im Alltag bewährt.

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Foto: Goedeking, Niedworok

Das zweite Projekt, dem sich das Podium widmete, war die 2013 eingeweihte Junioruniversität in Wuppertal mit ihrem amöbenartigen Grundriss und ihrer mit bunten Streifenelementen verkleideten Fassade (Hans Christoph Goedeking und Josef Johannes Niedworok). Sie steht zeichenhaft optimistisch auf einem ehemaligen Brachgrundstück am Ufer der Wupper mit Blick auf die Schwebebahn – irgendwie im Hinterhof des Stadtteils Barmen. Hier werden Seminare und außerschulische Bildungsveranstaltungen für junge Menschen im Alter von 4-20 Jahren angeboten. Auch im Inneren spielt Farbe eine Rolle: als Orientierungshilfe für die Besucher. Ufoartig fremd empfand Boris Schade-Bünsow das Gebäude an diesem Ort, gestand aber ein, dass die bunte Fassade offensichtlich dazu beiträgt, dass sich die Bürger angesprochen und wohl fühlen. Das Gebäude vermittelt sich über die Signalfassade sehr gut. Max Dudler zweifelte die Dauer dieses Effekts an: „In fünf Jahren redet keiner mehr von dem Projekt“. Solch bunte Farbkonzepte seien ohne Kontinuität und anbiedernd. Für Brigitte Franzen war der Innenraum zu „durchdefiniert“. Kreativität braucht Gestaltungsfreiraum – Räume, die nicht eine jeweilige Tätigkeit oder Funktion vorschreiben.

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Foto: Stadt Münster

Das neue Museum für Kunst und Kultur in Münster (Staab Architekten) war zum Abschluss Gegenstand der Diskussion. Es entstand gegenüber dem historischen Museumstrakt und auf der Fläche des abgerissenen Neubaus aus den 1970er Jahren. Zur Lage in der Stadt: Es ist umgeben von zahlreichen anderen Kulturbauten und versucht, sich mit der Umgebung zu verzahnen. Das wird zum Beispiel mittels Durchführung eines Fußwegs durch das Erdgeschoss einer Gebäudespitze erreicht. Boris Schade-Bünsow empfindet das als gut gelungen: „ So kann man viele Besucher einfangen und Kunst sichtbar machen“. Das Museum diffundiert in die Stadt: Das Erdgeschoss ist eine völlig öffentliche Fläche, die jenseits des Museumsbesuches genutzt werden kann. Rundgänge um eine Folge von Höfen machen den Innenbereich des Museums aus, die unterschiedliche Farbgebung der Ausstellungsräume fällt deutlich aus. Hier mussten natürlich auch immer die Kuratorenwünsche berücksichtigt werden. Aber: Für Brigitte Franzen kommt die Innenaufteilung „etwas gequält“ daher, die Raumzuschnitte seien „wundersam“. Die Farbgebung ist Gliederungshilfe und Muntermacher, die Wände insgesamt seien aber „oft zu schön“, um Kunst angemessen zu präsentieren. Ein Schlusswort von Max Dudler: „Ein Museumsbau muss aber der Kunst dienen, Räume dürfen nicht als Selbstzweck entwickelt werden“.

Anette Kolkau

Olympiastadion München Oder: Vom Modell zur Sensation

Wie flexibel, zeltartig und fast schon weich wirkt doch das gläserne Dach des Münchener Olympiastadions! Und dabei besteht jedes einzelne Segment aus einer starren Acrylglasplatte. Diese Konstruktion, die es vorher so noch nie gegeben hatte, wurde in einem mühsamen Prozess aus vielen, vielen Arbeitsschritten entwickelt.

Das Architekturbüro Günter Behnisch wollte sich damals gern an dem 1967 veranstalteten Wettbewerb für das Olympiagelände beteiligen. In gar keinem Fall sollten die Pläne zurückgreifen auf alte Konstruktionsprinzipien. Schließlich sollten die Olympischen Spiele 1972 der Welt ein verändertes Deutschland zeigen: fröhlich, offen und demokratisch.

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©Thomas Robbin

So begab man sich auf die Suche, reiste herum und stieß irgendwann auf den Kollegen Frei Otto und seinen deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal – ein Bauwerk aus einem Stahlseilnetz, überspannt mit einem transluzenten Polyestergewebe. Man war begeistert! Und so wurde der Entwurf selbstbewusst der Jury präsentiert – mit einem Modell aus Damenstrümpfen, darunter gesteckten Holzstäbchen und mit Reißzwecken als Befestigung! Behnisch Architekten setzten sich gegen 102 Büros durch und gewannen den Wettbewerb. Allerdings unter der Auflage zu überprüfen, ob das denn überhaupt baubar sei. „Ich schwöre bei meiner Seele, diese Architektur ist realisierbar.“ So zitierte der Spiegel 1969 den Architekten Egon Eiermann. Dieser war 1967 Vorsitzender des Preisgerichts für die Olympiabauwerke. Die Realisierung wäre allerdings ohne die geniale Leistung der Ingenieure nicht möglich gewesen.

©Thomas Robbin

©Thomas Robbin

„Für Formfindung und Berechnung gab es nur den Weg über die Arbeit am Modell“, erinnert sich der beteiligte Ingenieur Ewald Bubner. Modelle als verkleinerte Wirklichkeiten und die Tests mit ihnen dienten als Grundlage für die späteren Berechnungen. Die Seilnetzkonstruktion des Olympiadachs wurde also durch Drähte simuliert, je 3 Seile wurden durch einen Draht ersetzt, jeder einzelne hatte die Fähigkeit, so zu reagieren wie drei Seile zusammen. Dieses Modell wurde nun belastet und die Verformungen registriert. „So manches Mal flogen uns die Drähte um die Ohren, wenn sie der Belastung nicht begegnen konnten,“ so Ewald Bubner. Es wurde so lange experimentiert, bis die endgültige, stabile Form gefunden war. Daraus schließlich entwickelten die Ingenieure ihre Daten und konnten die Berechnungen erstellen.

Tragendes Element in München wurde also eine Seilnetzkonstruktion, ausgesteift mit Acrylglasplatten. 34.500 m2 war die zu überdachende Fläche groß. Die Lichtverhältnisse unter dem transparenten Dach waren für die Fernsehaufnahmen optimal. Das erste permanente Seilnetz ist an acht großen Masten aufgehängt. Die Tiefpunkte des Seilnetzes sind außen mit herkömmlichen Bodenankern gesichert, das war Richtung Stadionmitte nicht möglich. Stattdessen wurde ein 400 Meter langes Randseil gespannt, das auf der gegenüberliegenden Seite der überdachten Tribüne mit 4.000 Tonnen schweren Betonquadern im Boden verankert ist, so groß wie ein Einfamilienhaus! Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass das Seil sich bei stärkeren Windlasten nicht mehr als 1 Meter vertikal bewegt, was bei der Größe des Bauwerks ein unerheblicher Wert ist!

©Thomas Robbin und Claudia Dreysse

©Claudia Dreysse

Diese und andere Dachkonstruktionen sind noch bis zum 18.12.14 in unserer Ausstellung „Die fünfte Ansicht“ im Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus zu sehen.

AK

Jahrhunderthalle Breslau – Von Mut und Angst bei riesigen Dächern und neuen Materialien

65 Meter Spannweite! Größer und weiter noch als die des weltberühmten Pantheons in Rom! Eine gigantische Kuppel – eine ausdrucksstarke 5. Ansicht, gebaut von 1911 bis 1913 im damaligen Breslau.
Nicht alle waren begeistert von den Entwürfen zu dieser Ausstellungshalle in Sichtweite der historischen Altstadt – sah sie doch so ganz anders aus als alle Hallen, die man bisher kannte. „Hutschachtel!“, „Torte!“, „Gaswerk!“ All diese Beschimpfungen mussten Bauwerk und Baumeister, Max Berg, über sich ergehen lassen. Die Halle, ein pragmatischer Bau, schmucklos, ohne aufgesetzte Dekoration, aber modern, der damaligen Zeit voraus, funktional und von einer subtilen Ästhetik der sichtbaren konstruktiven Elemente, war für das damalige Empfinden vielleicht zu „gewagt“.

Foto: Stanislav Klimek, Wroclaw

Foto: Stanislav Klimek, Wroclaw

Die meiste Kritik musste sich Berg allerdings zur Größe der Kuppel anhören. Es regten sich extreme Zweifel an deren Realisierbarkeit, zumal Max Berg ein völlig neues Material, den Eisenbeton einsetzen wollte – Beton, in den Eisenmatten eingelagert waren, um ihn belastbarer zu machen. Der Stadtbaurat Max Berg blieb hartnäckig und überzeugte schließlich die städtischen Vertreter. 1911 begann man mit der Betonierung der Fundamente.
Nachdem der Unterbau als konstruktiv eigenständiger Bauteil fertig war, wurden Gerüste errichtet, die die Holzschalung für die Kuppelform trugen. „Ein Meisterwerk der Zimmerkunst“, staunte die Presse. Denn es gab kaum eine gerade Fläche oder Linie, alles war bestimmt durch die Krümmung der Kuppel. Auf die Schalung wurde dann ein speziell gefertigter Zement aufgebracht, bewehrt mit gewalztem Stahl von hoher Qualität. Regelmäßig wurde die Festigkeit überprüft, denn die Tragfähigkeit sollte sechsmal höher sein als gefordert – auch daran lässt sich die Skepsis der Verantwortlichen erkennen.

©IRS, Erkner

©IRS, Erkner

32 gekrümmte Rippen tragen die Dachschale, sie sind durch drei stabilisierende, umlaufende Ringe miteinander verklammert. Am unteren Rand liegen sie auf einem weiteren Ring auf. Was die Kuppel von außen her stabilisiert, sind vier halbkreisförmige Anbauten, die Apsiden. Zwischen ihnen spannen sich die Arkadenbögen, die sich zu den Apsiden hin öffnen. In jeder Apside stellen sich im Inneren sechs Pfeiler mit Querrippen gegen den Arkadenbogen.
Probleme gab es allerdings noch einmal kurz vor Vollendung des Baus: Die Arbeiter hatten sich voller Misstrauen gegenüber Konstruktion und Material geweigert, die ersten Spannschrauben der Schalung für die mächtigen Rippen zu lösen. Max Berg lockte schließlich einen Passanten mit einer Goldmünze ins Gebäude, der ihm beim Lockern der Schrauben half. Und es hielt.
„Zugleich dachte ich, diesem Bau eine dem modernen Stoff des Eisenbetons entsprechende Raumform, eine vom gotischen Geist durchdrungene Gestalt zu geben“, so Max Berg 1913. Es ist ihm gelungen.

Modell der Jahrhunderthalle in der Ausstellung „5. Ansicht“. Foto: Claudia Dreysse

Modell der Jahrhunderthalle in der Ausstellung „5. Ansicht“. Foto: Claudia Dreysse

AK

Sydney Opera House – Oder die Geschichte vom verjagten Architekten

Welches Bild hat man sofort vor Augen, wenn man an die australische Hafenstadt Sydney denkt? Klar: die knallweißen, haubenartigen, ineinander verschachtelten Dächer des Opernhauses. Wie geblähte Segel ragt das Dach 67 Meter hoch in den Himmel – passend zum Standort: Das Opernhaus liegt umtost von Wind und Wetter auf einer kleinen Landzunge direkt am Hafen.
Dass es vierzehn Jahre dauern sollte, bis dieses spektakuläre Bauwerk 1973 eröffnet werden konnte, das hat sich anfangs niemand träumen lassen…

Doch der Reihe nach:
1918 wurde in Kopenhagen Jørn Utzon, der Sohn eines Yachtkonstrukteurs geboren. Es heißt, er sei kein guter Schüler gewesen, später wurde er wegen schlechter Noten sogar an der Offiziersschule abgelehnt. 1937 begann er sein Architekturstudium, er arbeitete bei Architektur-Berühmtheiten wie Alvar Aalto und Frank Lloyd Wright. 1950 gründete er sein eigenes Büro und beschäftigte sich fast nur mit Wohnungsbau.
Das sollte sich 1957 schlagartig ändern: Als No-Name beteiligte er sich an einem internationalen Wettbewerb für das Opernhaus Sydney. 233 Vorschläge aus 28 Nationen wurden eingereicht. Aber sein Entwurf faszinierte die Jury am meisten: Sein Opernhaus war eine ausdrucksstarke, riesige Skulptur und brach mit dem allgemeinen Rationalismus des internationalen Architekturstils. Das war etwas völlig Neues, Bahnbrechendes, Visionäres in der damaligen Zeit! Und dabei erfüllte sein Entwurf noch nicht einmal die strengen Auflagen eines Wettbewerbsbeitrags – er hat offensichtlich nur eine recht grobe Skizze eingereicht. Die Entwurfszeichnung war mehr eine große Orientierung als ein umsetzbares Konzept.

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1959 war Baubeginn. Die statischen Berechnungen erstellte der junge Ingenieur Ove Arup mit seinem Büro. Die Folgejahre waren Jahre der Neuberechnung. Denn die anspruchsvolle Statik der gekrümmten Schalen des Daches – so wie sie der Erstentwurf vorsah – bereiteten große Probleme. Der Ingenieur konnte diese Formen nicht berechnen! Die komplexe Geometrie des Daches wurde in sechs Jahren über zwölf Mal neu berechnet, mit Lochkarten gesteuerte Computer brauchten 18 Monate, um die Krümmungen und die Statik aller Dächer zu berechnen, 44 Zeichner waren mit rund 1700 Planzeichnungen beschäftigt! Die ursprüngliche, flachere Figur der Oper wandelte sich in steilere, aufrechtere Dachhauben.

Sydney Opera House _see usage restrictions_(c) Arup3Was für ein Kostenfaktor! Eine regelrechte Kostenexplosion! Es waren zunächst 3,5 Millionen Dollar veranschlagt, als sie bei 57 Millionen Dollar angelangt waren, wurde die Reißleine gezogen. Utzon wurde aufgefordert, seine Pläne zu verschlanken. Aber er weigerte sich insbesondere, bei der Ausstattung Kompromisse zu machen. Das hatte ernste Konsequenzen: Utzon und wurde 1966 durch die neue Regierung des Bundesstaates von News South Wales von dem Projekt ausgeschlossen. Utzon hat danach nie wieder australischen Boden betreten.
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Australische Architekten und der Ingenieur Ove Arup brachten das Werk zu Ende:
Die Dächer der Oper bestehen aus symmetrischen Beton-Schalenpaaren, die jeweiligen Hälften sind fächerartig gestaltet und liegen an nur einem Punkt auf. Sie haben alle die gleiche Krümmung als wären sie alle aus derselben Kugel herausgeschnitten worden. Die hintereinander liegenden Schalen stützen sich gegenseitig.
2007 wurde das Opernhaus übrigens zum UNESCO Welterbe ernannt.

AK
Mehr zu Dächern und ihren Baumeistern: In unserer Ausstellung „Die fünfte Ansicht. Von Gewölben, Schalen, Kuppeln, Dächern und ihren Ingenieuren“. Bis 18.12.14 im Hans-Sachs-Haus, Gelsenkirchen, Ebertstr.11., mo – fr 8 – 18 und sa 8 -14 Uhr
Alle Motive: Arup

Der lange Weg für mehr Freiraum

Zur Finissage der Ausstellung zum nrw.landschaftsarchitektur.preis 2014

Mehr Frei- und Grünraum in der Stadt – das ist eine langfristige Entwicklungs- und Planungsperspektive. Sie erfordert von allen Beteiligten Ausdauer, Geduld, Bündnisse, Flexibilität und neue Ideen. Ein paar dieser Ideen waren Thema auf der Abschlussveranstaltung zur Ausstellung – eine Botschaft für viele Landschaftsarchitekten, die sich tagtäglich mit Visionen, Realisierung und Finanzierung von Grünprojekten beschäftigen.

Dr. Ellen Cassens-Sasse

Dr. Ellen Cassens-Sasse

Dr. Ellen Cassens-Sasse von der Koordinierungsstelle Umweltschutz der Stadt Pulheim stellte das Projekt Nordpark Pulheim vor: ein Generationenprojekt! Es handelt sich um ein halbmondförmiges Areal, das sich an den nördlichen Stadtrand schmiegt. Diese Fläche, deren Gestaltung bbzl, Berlin, entwickelt hat, vermittelt zwischen Wohnbebauung und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Es ist ein Parkband, dessen Landschaftsbilder mit dem Thema Landwirtschaft spielen, und das den Menschen als Stadtrand-Grünfläche zur Verfügung steht. Denn innerstädtischer Grünraum ist knapp. Die Idee: Die Entwürfe sind so flexibel, dass sich die Parkgestalt an veränderte Bedingungen (auch finanzielle) anpassen kann.

Zentrale Elemente sind zwei parallele Wege, das Parkband durchziehen: Äußerer Rahmen, von dem derzeit rund 7 Hektar fertiggestellt sind, ist die Horizontalallee. Wie ein landwirtschaftlicher Betriebsweg verlaufen zwei Spuren mit wassergebundenem Belag daneben, in der Mitte eine Graslinie aus Schotterrasen. Ein zweiter Weg, die Feldpromenade führt näher an der Stadt durch teils landwirtschaftlich genutzte Flächen und solche, die gestaltet wurden: als leicht erhöhte Wiesenplateaus, mit Obsthainen, als Kräutergarten oder Spielwiesen. Die Landschaft diffundiert so in den städtischen Raum, und dieser Parc Agricole ist eine dem Ort angemessene landschaftsarchitektonische Interpretation.

Der Park wird noch bis zum Jahr 2030 weiterentwickelt, bis dahin kann sich viel ändern. Die insgesamt 100 Hektar Endfläche sind bislang nicht komplett durchgestaltet und lassen jeweils zeitgemäße Gestaltungen zu. Integriert ist der Park in das in das Projekt „Regio Grün“ der Regionale 2010.

Jutta Wakob

Jutta Wakob

Jutta Wakob von LILL + SPARLA Landschaftsarchitekten, Köln, setzt hinsichtlich der Langfristigkeit und Langlebigkeit von Projekten auf Kooperationen und Bündnisse, bei denen die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist. Ihr Projekt „Familienpark an der Zoobrücke“, das neben Nordpark Pulheim und zwei weiteren Projekten mit dem nrw.landschaftsarchitektur.preis 2014 ausgezeichnet wurde, funktioniert so gut, weil eine Initiative vom angrenzenden Jugendpark immer ein Auge auf die Fläche hat und kleine Ausbesserungsarbeiten an Ort und Stelle selbst vornimmt.

Ähnliche Erfahrungen hat sie auch bei einem anderen Projekt gemacht: Ein Park in Köln Mülheim, der schon 1985 von LILL + SPARLA gebaut wurde, verwahrloste zunehmend und wurde eigentlich nur noch von Drogenkonsumenten frequentiert. Zusammen mit Nachbarschaft und Bürgerverein wurde ermittelt, wie ein Park für alle auszusehen hat – alle Generationen sollten berücksichtigt werden. Entstanden ist auf kleinem Raum ein vielschichtiger Park der viele Betätigungsmöglichkeiten abruft, mit dem sich die Bürger identifizieren und den sie auch gerne aufsuchen.

Beatrice Büttner

Beatrice Büttner

Von langfristigen Perspektiven und schnellen Ergebnissen berichtete Beatrice Büttner, Geschäftsführerin der Kölner Grünstiftung, eine gemeinnützige Stiftung zur Erhaltung und Verbesserung der Kölner Grünanlagen. Die Stiftung sitzt an der Gelenkstelle zwischen Bürgern und Stadt. Sie finanziert sich ausschließlich durch Spenden und sorgt für schnelle Planung, finanziert Umsetzung und zum Teil Pflege. Die Stadt Köln behält die komplette Bauaufsicht – eine Kooperation, die in kurzer Zeit sichtbare Projektfortschritte bringt. Und das ist das Erfolgsrezept: Bürger initiieren Projekte, Unternehmer möchten den Parkstreifen vor ihrem Gebäude verschönern lassen. Dafür sind sie bereit zu spenden.

Die Stiftung setzt sich dann für das Projekt ein, und in oftmals sehr kurzer Zeit entsteht eine gepflegte Grünfläche. Für die Menschen wird sichtbar, was mit ihrem Geld direkt „vor der Haustür“ passiert. Ein kurzer Weg von der Idee zur Umsetzung. Bürger haben auch die Möglichkeit zu Baum- und Banksponsoring. Über 1000 Bänke wurden schon gestiftet – so identifizieren sich Menschen wieder mit ihrer Stadt.

„Die fünfte Ansicht. Von Gewölben, Schalen, Kuppeln, Dächern und ihren Ingenieuren“

Eine Einführung zur Ausstellung des M:AI von Ursula Kleefisch-Jobst

Das Erste, was sich der Mensch gebaut hat, war ein schützendes Dach aus Ästen und Blattwerk. Ein Schutz nicht nur vor den Unbilden des Wetters, sondern vor allem auch ein Schutz für das Herdfeuer. Das Dach bedeckt ein Gebäude. So erst entsteht Raum für vielfältige Aktivitäten. Aber das Dach ist schon lange mehr als nur ein wichtiges Bauteil. Neben Vorder- und Rückseite und den beiden Seitenansichten eines Bauwerks ist das Dach die fünfte Ansicht: repräsentativ, zeichenhaft, stadtbildprägend.

Die steilen Gewölbe der gotischen Kathedralen erschienen den Menschen als Abbild des Himmels. Weithin sichtbare Kuppeln zeugen vom Machtanspruch ihrer Bauherrn. Nicht selten übertraf deren Anspruch Wissen und Erfahrung der Baumeister und Handwerker und die technischen Möglichkeiten der Zeit. Diese Herausforderungen aber waren oftmals Meilensteine in der Entwicklung von konstruktiven und technischen Lösungen. So bedurfte es der kühnen Vorstellungskraft des siebenundzwanzigjährigen Filippo Brunelleschi, um die steil aufragende Kuppel des Florentinerdomes mittels einer genialen Mauertechnik und neuer Maschinen – ohne das bis dahin übliche Lehrgerüst – zu bewerkstelligen. Ein Jahrzehnt lang bestaunten und bewunderten die Bürger der Stadt den Bau der Kuppel hoch über ihren Köpfen.

Kuppel des Doms von Florenz (aus: H. Saalmann: Filippo Brunelleschi)

Kuppel des Doms von Florenz (aus: H. Saalmann: Filippo Brunelleschi)

Über Jahrhunderte vertrauten Baumeister und Handwerker auf Tradition und Erfahrung, denn die statische Berechnung von Bauteilen war ihnen nicht möglich. Als die mächtige Kuppel von Sankt Peter in Rom Mitte des 18. Jahrhunderts Risse zeigte, suchte Papst Benedikt XIV. Rat bei Mathematikern. Er erhielt zwei Gutachten. Sie markieren den historischen Moment, an dem mathematische Berechnung das intuitive Wissen ablöst.

Imposant: Kuppe von St. Peter in Rom ( wikimedia)

Imposant: Kuppe von St. Peter in Rom ( wikimedia)

Neue Materialien, insbesondere seit Ende des 18. Jahrhunderts Eisen und Eisenbeton, eröffneten neue Horizonte für Dachlösungen. Der Einsatz der neuen Materialien aber erforderte Mut von den Baumeistern und Ingenieuren. So soll der Stadtbaurat Max Berg einen Passanten mit einer Goldmünze gelockt haben. Er half ihm beim Lockern der ersten Spannschrauben der Schalung für die mächtigen Rippen der Kuppel der Jahrhunderthalle in Breslau. Die Arbeiter hatten sich geweigert, denn sie trauten dem neuen Material Eisenbeton nicht.

Dachkonstruktion der Jahrhunderthalle Breslau

Dachkonstruktion der Jahrhunderthalle Breslau

Nicht immer waren es Bauingenieure, die neue konstruktive Wege gingen. Der Feinmechaniker Walter Bauersfeld erfand auf der Suche nach einer sphärischen Projektionsfläche für seine Sternenbilder das Netzwerk als räumliches Tragwerk. Genaue Naturbeobachtung, die lehrt, wie physikalische Gesetzmäßigkeiten eine natürliche Form bestimmen, regten den Bauingenieur Heinz Isler zu seinen eleganten Schalenkonstruktionen an. Frei Ottos Passion für das Segelfliegen förderte seine Erkenntnisse über Leichtbauweisen. Seine Seilnetz-Konstruktion für den Deutschen Pavillon auf der Expo ’67 in Montreal wurde zu einer Inkunabel der leichten Flächentragwerke. Das Prinzip des Speichenrades inspirierte Jörg Schlaich zu seinen beweglichen Stadien-Überdachungen.

Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts mussten nicht selten Belastungsproben am fertigen Dach die letzten Zweifel beseitigen. An aufwendigen Modellen – wie dem Kettenmodell für die Mannheimer Multihalle im Maßstab 1:98,5 – wurde das Tragverhalten geprüft. Heute übernehmen Computer solche Aufgaben und ermöglichen kühne Konstruktionen für spektakuläre Gestaltungen: so die pilzförmige Überdachung im Stadtzentrum von Sevilla oder das 85 Meter auskragende Dach des Cinema Centers im koreanischen Busan.

Die knapp 40 Projekte in der Ausstellung erzählen die Geschichte ihrer Entstehung, sie beleuchten die Besonderheiten der jeweiligen Konstruktion und der Montage vor Ort. So erzählen die Projekte auch von den Innovationen und Leistungen ihrer Ingenieure. Herausragende Bauwerke aber sind immer das kongeniale Gemeinschaftswerk aller am Bau beteiligten.

Empfehlung für die Besucher der Ausstellung: Kopf hoch, es gibt auch draußen viele spannende Dachlösungen zu entdecken!

Die Ausstellung wird vom 20.11. bis 18.12.14 im Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus gezeigt (Ebertstr. 11)